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I ❤ my Job oder warum mich nach bald 5 Jahren an der Uni immer noch auf jeden Oktober und April freue

Zum Anfang von jedem neuen Semester, in dem ich an der Viadrina einen neuen Kurs konzipiere, denke ich „das wird nun aber wirklich der Coolste“. Bislang dachte ich das 12 mal. Nicht immer waren die Studierenden der gleichen Meinung und einige meiner Ideen gingen auch vollkommen nach hinten los. Dennoch nutze ich die Freiheit der Lehre um mich immer wieder neuen Themen zu widmen. Ich bin dankbar für das Vertrauen, was mir dabei von meiner Chefin entgegengebracht wird – gerade wenn mein Dissertationsprojekt sich viel zu oft auf der Rückbank wiederfindet. So fühle ich mich doch eher der Lehre als der Forschung verschrieben.

Auf dem hohen Ross der Geisteswissenschaften

Die meist kollaborativen Projekte von und mit den Studierenden sowie meine didaktische Herangehensweise an Wissensvermittlung und Forschendes Lernen, stoßen nicht immer auf offene Ohren. Auch ich merke, dass Studierende immer unsicherer werden, etwas falsch zu machen und eingespannt in die Modulstruktur weniger nach Interesse, als nach optimalen ECTS Punkten studieren. Frei nach dem Motto: „Finde den Kurs mit dem geringsten Aufwand für die meisten ECTS“. Bei mir sind sie dann oft falsch. Durch die fortschreitende Verschulung der Studiengänge sehe ich auch eine Einschränkung von Freiheiten der Studierenden. Anstelle der wirklich selbst gewählten Projekte, wird dann lieber das Praktikum für den Lebenslauf absolviert. Kreatives und absichtsloses Ausprobieren hat keinen Raum – lässt sich ja in der Bildungsbiografie nicht gut vermarkten. In jedem Fall muss man dann diese Lücken im Lebenslauf vor geldgebenden Eltern oder Bafögämtern rechtfertigen. Die Spirale des schlechten Gewissens setzt sich in Gang.

Alternativloser Weg ins erste Burnout?

Ich wünsche mir, dass es an Universitäten, aber auch allen anderen Bildungseinrichtungen und darüber hinaus, mehr Freiräume zum Ausprobieren jenseits der Jagd nach den ECTS und Zertifikaten geben würde. Kollaborative Lernorte, in denen gesponnen, geträumt, geplant und umgesetzt werden kann, gehören genauso dazu wie ein Ende des elendigen Studierenden-Bashings. Niemand der Studierenden, die bei mir Prüfungen oder Abgabefristen nach hinten verschieben ließen, tat dies ohne triftigen Grund. Meist ist mir dieser bekannt und ich habe nicht schlecht gestaunt, was für Schicksalsschläge und gesundheitliche Aspekte Menschen aus der Bahn werfen können. Vieles davon wird tabuisiert, womöglich noch sarkastisch kommentiert. Aus persönlichen Erfahrungen kann ich so einiges davon nachvollziehen, zweifle aber natürlich auch hier und da an der Prioritätensetzung der Studierenden. Nichts ist eben nur schwarz oder weiß und eine Erhöhung des (finanziellen) Drucks zwingt viele eher in unsinnige Nebenjobs als eine kritische Auseinandersetzung mit den Themen im selbst gewählten Studienfach und der eigenen Leistung.

Digital ist besser!?

Das ist es doch letztendlich was wir vermitteln wollen: Die Befähigung Zusammenhänge durch verschiedene Perspektiven wahrzunehmen, zu bewerten und in neue Kontexte zu transferieren, Wissen selbst zu erschließen und sich damit kritisch auseinander zu setzen. Und immer wieder Reflektion. Digitale Technologien sind dabei hilfreich und nützlich – niemand muss mehr alles Wissen auswendig lernen, steht ja bei Wikipedia. Aber der Einsatz digitaler Medien ist noch so ein Thema, wo wir massiv hinterherhinken.

meine Studierenden

Warum eigentlich „Herzblutfaktor“?

Die Idee zu diesem Blog-Projekt beschäftigt mich schon lange. Mit der Umsetzung war das so eine Sache…

Schon während meines Studienabschlusses begab ich mich auf Jobsuche. Einige meiner ehemaligen KommilitonInnen hangelten sich bereits von Projekt zu Projekt oder mussten schließlich doch beim Amt der Ämter, dem Jobcenter, als KundIn unter Vertrag gehen. Ich war damals fest davon überzeugt, dass jedeR, der/die sich nur doll genug anstrengt, wenn nicht den Traumjob, dann wenigstens einen anständig bezahlten Job finden wird. Nach meinen ersten 50 Bewerbungen stellte sich auch bei mir eine gewisse Resignation und Ernüchterung ein. Ich hatte den neuen Hosenanzug für Bewerbungsgespräche wohl umsonst gekauft.

Damit einher ging die Idee über meine Erfahrungen zu schreiben und mich mit anderen auszutauschen. In vollem Bewusstsein, dass depressives Rumgeheule in der Öffentlichkeit nicht die erwünschten Ergebnisse (spannende Diskussionen, Erfahrungen in der Social Media-Welt und letztendlich ein Job) bringen würde, sollte der Herzblutfaktor meine Jobsuche auf minimal humoristische, vor allem aber informative Weise begleiten. Meine Zielgruppe waren all die anderen angeblich hochqualifizierten EndzwanzigerInnen aus der Generation Praktikum 2.0. Diese haben in der Regel einiges auf dem Kasten, können das aufgrund mangelnder Chancen jedoch niemandem zeigen. Als Frau gilt man zudem schnell als „tickende Zeitbombe“, die jederzeit schwanger werden könnte und damit ein viel zu großes Ausfallrisiko darstellt. Entfristete Arbeitsverträge rücken in weite Ferne – eine steigende Geburtenrate aber auch.

jobcenter Johanna Voll

Mit dem Jobcenter im Nacken verbrachte ich ein paar triste Monate. An guten Tagen war ich mir meiner vielfältigen Soft Skills und Potentiale durchaus bewusst, blickte zuversichtlich auf den vor mir liegenden Tag und setze mich voller Tatendrang an den Rechner um sämtliche Jobbörsen der sozialwissenschaftlichen Welt unsicher zu machen. An schlechten Tagen zählte ich in meiner Excel-Datei die offenen meiner abgeschickten Bewerbungen (im Dezember 2012: 100) und lenkte mich mit (schlechten) US-amerikanischen Serien ab bis ich ins Medienkoma fiel. Natürlich gab es hier und da mal „Projekte“, die mich zum Glück nicht komplett verzweifeln ließen, aber der Job mit Herzblutfaktor ließ auf sich warten.

Neuen Aufschwung, im Leben, wie auch beim Blog-Projekt, brachte eine Weiterbildung (vom Jobcenter durch einen Bildungsgutschein finanziert) zur Social Media-Redakteurin bei Cimdata, die ich auf jeden Fall weiterempfehlen kann. Im Projektmanagement-Kurs erstellte ich SWOT-Analysen und Gantt-Diagramme zum Launch von Herzblutfaktor.de. Die Kursinhalte vom Social Media Marketing-Kurs halfen mir beim Erstellen meiner weiteren Auftritte im Netz. Ich war bereit. Der Countdown lief.

Parallel dazu lief meine aktive Jobsuche auf vollen Touren. Es waren nun 150 abgeschickte Bewerbungen. In einer verzweifelten Tat machte ich das, was ich eigentlich nie wieder tun wollte: Ich bewarb mich um eine Praktikumsstelle. Diese führte mich dann in eine Onlineredaktion. Ich bin wirklich glücklich und dankbar über die Erfahrungen, die ich dort sammeln konnte. Ich habe viel gelernt und tolle (bleibende) Kontakte geknüpft. Der tatsächliche Berufseinstieg jedoch kam schnell und unerwartet: Meine Professorin, die auch meine Masterarbeit betreut hat, wies mich auf eine offene Stelle an ihrem Lehrstuhl hin. Das war die letzte Bewerbung, die ich abgeschickt habe.

Weg Hiddensee Johanna Voll

Der Launch für Herzblutfaktor.de verzögerte sich durch technische Probleme, einen Mangel an Zeit und den Fakt, dass mein ganze Konzept irgendwie nicht mehr hinhaute: Ich habe mittlerweile einen ausfüllenden Job sowie ehrenamtliche Tätigkeiten mit Herzblutfaktor. All die bissigen Jobcenter-Geschichten müssen nun von anderen geschrieben werden. Eine ursprünglich angedachte Kategorie werden ich wohl dennoch beibehalten: Die schönsten Absagen. Auch heute trudeln gelegentlich Absagen ein – auf Bewerbungen, die ich irgendwann 2012 abgeschickt habe.

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